Trauerhalle

Die Trauerhalle auf dem jüdischen Friedhof in Oldenburg

An nur wenigen Tagen, so zum Beispiel am „Tag des offenen Denkmals“, besteht für die Öffentlichkeit die Möglichkeit, sich die Trauerhalle auf dem jüdischen Friedhof in Oldenburg anzusehen. Ein Grund dafür, sich hier einmal der Geschichte dieses besonderen Baues zu widmen.

Die Trauerhalle im September 2017 kurz nach der Außenrenovierung

Vorgeschichte
Die Geschichte der Trauerhalle beginnt 1917. Die Bad Zwischenahner Jüdin Emilie Cohn (1844-1917) vermachte nach ihrem Tod dem damaligen jüdischen Landesgemeinderat die Summe von 20.000 Mark „zu wohltätigen Zwecken“. Sie ist hier auf dem jüdischen Friedhof bestattet; ihr Grabstein ist bis heute erhalten geblieben. Der damalige Landrabbiner Dr. Mannheimer regte an, diese Summe für den Bau einer Trauerhalle in Oldenburg zu verwenden. Durch die Ereignisse des I. Weltkrieges kam es jedoch zunächst nicht dazu. Das Legat wurde u.a. für die jüdische Waisenkasse und für den Ankauf staatlicher Kriegsanleihen verwendet.

Finanzierung und Bau
Im Andenken an seinen Sohn Arthur Trommer (1885-1918) stiftete der seit 1903 in Oldenburg lebende, aus Czernowitz (Bukovina, Österreich), stammende Kaufmann Leo Leiser Trommer (1851-1934), die Baukosten der Trauerhalle. Bereits im Jahr 1919 wurden die Bauzeichnungen für die Trauerhalle durch den Vorsteher der jüdischen Gemeinde und dem Gemeindevorsteher der Gemeinde Osternburg genehmigt. Die damaligen Bauzeichnungen sind bis heute erhalten geblieben. Die Baupläne und die spätere Bauausführung wurden von Dr. Ing. Heinrich Biebel (1889-1979) verantwortet. Biebel war in der Stadt Oldenburg bereits durch den Bau verschiedener Gebäude, wie der Siedlung Rauhehorst, der Kriegerheimstättensiedlung Brunsbrok/Wittingsbrok oder der Wohnhäuser Nadorster Straße 209-227, bekannt geworden.

Einweihung
Es dauerte jedoch noch weitere Jahre, bis am 1. Mai 1921 die Einweihung des Gebäudes unter Beteiligung des neuen Landrabbiners Dr. Philipp de Haas gefeiert werden konnte. Im Innern der Trauerhalle befanden sich zur Eröffnung vier, heute leider nicht mehr vorhandene, den Psalmen entnommenen Sinnsprüche. In der Presse wurde das große Glasmosaik (ca. 5,5 qm) des Bremer Glasmaler Rohde besonders erwähnt. Laut der vorhandenen Originalunterlagen und späteren gerichtlichen Feststellungen, befand sich im Innern der Trauerhalle eine hölzerne Kanzel, die durch den rückwärtigen Bereich der Trauerhalle durch den Rabbiner begangen werden konnte.

Die Trauerhalle um ca. 1927 und 1965.

Brandstiftung
Nach einer bereits erfolgten Schändung von Grabsteinen durch Angehörige des SA-Hilfswerklagers Blankenburg im Jahr 1935 versuchten gegen Mittag des 10. November 1938 mindestens sechs SA-Männer die Trauerhalle in Brand zu setzen. Sie schichteten dazu das vorhandene Inventar (Bänke, Bohlen, Bretter) und einen Eingangsflügel der Tür zu einem Haufen zusammen und versuchten diesen mit Hilfe von drei Litern Spiritus in Brand zu setzen. Die Trauerhalle als solches konnte jedoch aufgrund der massiven Bauweise nicht in Brand geraten; es wurde lediglich viel Qualm erzeugt. Die Fenster wurden ebenfalls beschädigt. Später wurde der Brand durch die Feuerwehr gelöscht. Die beiden Haupttäter wurden in einem späteren Verfahren im Jahr 1949 vom Schwurgericht zu Strafen von einem Jahr und neun Monaten bzw. einem Jahr Gefängnis verurteilt. Die Revision der Angeklagten wurde im selben Jahr wegen offensichtlicher Unbegründetheit verworfen.

Gedenktafel aus dem Jahr 1952

Zustand nach 1945
Die Trauerhalle befand sich nach 1945 in einem schlechten Zustand. Zurückgekehrte Mitglieder der jüdischen Gemeinde unter der Leitung von Adolf de Beer (1877-1955) bemühten sich auch mit Unterstützung der britischen Jewish Relief Unit intensiv um eine Verbesserung des Zustandes. Sie erreichten zunächst jedoch nur eine provisorische Wiederherstellung und Sicherung. 1948 wurden die Kosten für die notwendige Instandsetzung der Trauerhalle mit 2.088,04 Mark veranschlagt. In der Folgezeit entstand ein Streit über die Verpflichtung der Stadt oder des Landes Oldenburg zur Leistung der notwendigen Instandsetzungskosten. Die damalige jüdische Gemeinde war über dieses Hin und Her der Kostenverantwortung so verärgert, dass im Februar 1948 ein Leserbrief in der lokalen Presse erschien. Erst im Jahr 1952 konnten die notwendigsten Arbeiten im Auftrag und auf Rechnung des Landes Niedersachsen durchgeführt werden. Zum Abschluss dieser Arbeiten, wurde auch die heute noch vorhandene hölzerne Erinnerungstafel zum Gedenken den „Märtyrern des Landes Oldenburg 1933-1945“ mit dem Spruch „Gross wie das Meer ist deine Wunde, wer wird dich heilen?“ in der Trauerhalle in hebräischer und deutscher Sprache angebracht. Die heutige Bestuhlung der Trauerhalle stammt aus dem Jahr 1960. Die jüdische Gemeinde versuchte in den Folgejahren immer wieder, die Trauerhalle in einen würdigen und langfristig haltbaren Zustand herstellen zu lassen.

Das Buntglasfenster

Wiederherstellung
Ein im Jahr 1971 erstellter Situationsbericht über den Zustand der Trauerhalle zeigte die damaligen Unzulänglichkeiten zum Zustand der Halle auf. Die geschätzten Kosten beliefen sich auf nunmehr 72.000,- DM. Nach schwerwiegenden Verhandlungen zwischen jüdischer Gemeinde Oldenburg, Landesverband der Jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und der Stadt Oldenburg bewilligte diese schlussendlich der Übernahme der notwendigen Kosten der Beseitigung der Dach- und Gewölbeschäden. Angeregt durch die lokale Presseberichterstattung meldete sich der Architekt der Trauerhalle bei der Stadtverwaltung und bot zur Wiederherstellung des großen Buntglasfensters der Trauerhalle seine Mithilfe an. Er verfügte auch noch über die Originalaufnahme des Buntglasfensters. Nach seinen Unterlagen wurde dieses – heute noch bestehende – Fenster im Jahr 1975 durch den Künstler Georg Schmidt-Westerstede (1921–1982) wiederhergestellt. Auch der heute vorhandene achtarmige hölzerne Leuchter in der Kuppel der Trauerhalle wurde damals angebracht.

Denkmalschutz
Der jüdische Friedhof und die Trauerhalle wurden im Jahr 1977 unter Denkmalschutz gestellt. Die Niedersächsische Denkmalschutzkartei verzeichnet die Trauerhalle als verputzten „Zentralbau mit kubischem Unterbau und oktogonalem Oberbau unter schiefergedecktem Zeltdach. An der Nord- wie an der Südseite eingeschossige Anbauten jeweils unter niederigerem eigenem Satteldach. Eingang an der Südseite. Zwei [sic!] große Rundfenster mit bleigefaßter Buntverglasung am Unterbau. Fassadengliederung des Oberteils: Halbsäulen mit Kämpfern durch Rundbogen miteinander verbunden. Zweifach leicht zurückspringende Blendnischen mit jeweils einem kleinen mehrfach versproßten Rundbogenfenster.“

Der Innenraum, September 2017

Davidstern
Im Jahr 1994 erhielt die Trauerhalle wieder einen „Magen David“ (Schild Davids, Davidstern) auf das Dach des Gebäudes. Wann der ursprüngliche, nach einem Foto noch 1927 belegbar vorhandene Stern, entfernt wurde, ist unbekannt. Möglich wurde diese Neuerstellung des Sterns durch eine großzügige Spende von Magarete Collins (1921-2014), die diese Spende in Gedenken an ihren Ehemann Eric Collins (1897-1993) tätigte. Die Grabstellen diesen beiden Personen befinden sich auf dem jüdischen Friedhof in Osternburg. Erst nach Abschluss dieser Arbeiten zeigte sich die Trauerhalle in ihrem äußeren Erscheinungsbild dem Aussehen, das sie bei Ihrer Einweihung im Jahr 1921 hatte.

Schändung
Nach mehrmaligen Schändungen von Grabsteinen und der Friedhofsmauer in den Jahren 2000, 2003, 2004, 2010 und 2011 erfolgte im Jahr 2013 erstmalig auch wieder eine Schändung der Trauerhalle. Die später ermittelten Täter beschmierten die Trauerhalle mit dem Schriftzug „Jude“ und drei großen Hakenkreuzen, weiterhin wurden insgesamt 8 Gräber besprüht, darunter die Grabsteine der Familie Trommer, des Landrabbiners Mannheimer (1863-1919) und Eric Collins. Die zwei Haupttäter erhielten im Jahr 2016 eine Gefängnisstrafe von sechs bzw. fünf Monaten ohne Bewährung; ein weiterer Täter eine Geldstrafe in Höhe von 3.000 EUR. Die Berufung auf das Urteil des ersten Haupttäters hatte insofern Erfolg, als dass die Strafe nunmehr zur Bewährung ausgesetzt wurde.

Im Jahr 2017 wurden lange notwendige Instandhaltungsarbeiten, wie die Dachsanierung, Erneuerung der Dachentwässerung, Restaurierung der Eingangstüren und Neuverglasung der Oberlichter, vorgenommen.

Diese Trauerhalle ist das einzige Gebäude einer jüdischen Gemeinde im Oldenburger Land, das seit seiner Erbauung ihrer originären Zweckbestimmung noch bis heute entspricht. Alle anderen Gebäude der jüdischen Gemeinden wurden aus verschiedenen Gründen entweder verkauft oder, wie die damaligen Synagogen, mutwillig niedergebrannt oder später in ihrer Funktion umgewidmet.

Auf den über 230 vorhandenen jüdischen Friedhöfen in Niedersachsen befinden sich nur in Braunschweig (Helmstedter Straße), Hannover (An der Stangriede und Burgwedeler Straße), in Hildesheim und Lüneburg weitere Trauerhallen.

Literatur:
Ulrich Knufinke: Bauwerke jüdischer Friedhöfe in Deutschland, Michael Imhof Verlag, Petersberg 2007, Seite 265 f.
Oldenburgische Landschaft (Hrsg.): Baudenkmäler im Oldenburger Land, Brune-Mettcker Druck- und Verlagsgesellschaft, Wilhelmshaven 2017, Seite 73
Töllner, Johannes-Fritz; van Bekkum, Wouter J. [Mitarb.]: Die jüdischen Friedhöfe im Oldenburger Land : Bestandsaufnahme der erhaltenen Grabsteine, Heinz Holzberg Verlag, Oldenburg 1983, Seite 356 ff.
Martin J. Schmid: Besonderer Bau in Oldenburg. In: Nordwest-Heimat, Beilage der Nordwest-Zeitung, 17. Februar 2018

Bildhinweis:
Foto ca. 1927 aus: Theordor Goerlitz, Die Landeshauptstadt Oldenburg, 1927
Foto ca. 1965 aus: Leo Trepp, Die Landesgemeinde der Juden in Oldenburg (1828-1938), 1965